Kulturanbeter

Kultur ist meine Religion

„Verrücktsein wird total unterbewertet“

„The Addams Family“ im Musical Theater Bremen

Addams Family

Die Addams Family in Merzig: Anne Welte (Großmutter), Edda Petri (Morticia), Uwe Kröger (Gomez), Justin Natale (Pugsley), Gerhard Karzel (Lurch) und Jana Stelley (Wednesday). Foto: Rolf Ruppenthal

Nacht. Ein Friedhof mitten im New Yorker Central Park. Die Familie Addams feiert mit den Geistern ihrer toten Ahnen den ewigen Kreislauf von Leben und Tod. Der Mond scheint. Und die Familie gibt sich völlig der morbiden Romantik hin. Denn ist man ein Addams, ist „Titanic“ eine Komödie, die Pariser Kanalisation ein romantisches Urlaubsziel, „Kakerlake“ ein Kosename und nur Menschen ohne Vorstellungskraft tragen helle Farben.

Addams Family

Foto: Rolf Ruppenthal

Ausgerechnet eine biedere amerikanische Durchschnitts-Familie zerstört die Harmonie. Denn Tochter Wednesday Addams – hier im Gegensatz zu Fernsehserie und Cartoon ein Teenager – ist verliebt in Lucas Beineke. Ihre Eltern Gomez und Morticia Addams sind schockiert, dass Wednesday so einen bürgerlichen, unauffälligen Freund hat. Wednesday lädt Lucas und seine Eltern Malcolm und Alice zum Abendessen ein, um die Addams und die Beinekes zusammenzuführen.

Im ersten Akt bewegt sich die Geschichte in angenehmem Tempo voran: Die beiden Familien treffen aufeinander und während sie sich kennenlernen, sorgen ihre Unterschiede für viele humorvolle und bizarre Momente. Diese gipfeln schließlich in einer Dinnerparty, die komplett aus dem Ruder gerät.

Der zweite Akt bietet eine weniger stringente Handlung und mehr eigenständige Szenen, die lose aneinander geknüpft sind. Der rote Faden geht hier öfter verloren oder verheddert sich in Nebensächlichkeiten. Da ist beispielsweise die lange Szene, in der Onkel Fester seine Liebe zum Mond besingt: Sie ist charmant, mit kreativer Puppentechnik wunderbar inszeniert, aber für die Handlung völlig überflüssig. Durch Momente wie diesen wirkt das Buch von Marshall Brickman und Rick Elice streckenweise wie ein Flickenteppich. Dazu kommen die vielen Beziehungskrisen zwischen Alice und Mal, Morticia und Gomez, Wednesday und Lucas sowie Morticia und Wednesday. Sie werden mit Ende des ersten Akts ausgelöst, klären sich im zweiten Akt aber so schnell und oberflächlich auf, dass sich die Konflikte kaum entfalten können und die Handlung vorhersehbar wirkt.

addamsfamily_bremen

Musical Theater Bremen

Andrew Lippas Kompositionen hingegen sind kurzweilig und abwechslungsreich. Sie fangen die Stimmung jeder Szene nuanciert ein. „Sag die Wahrheit“ und das Opening „Bist du ein Addams“ bleiben sofort im Ohr. Die Vielschichtigkeit der übrigen Lieder erschließt sich oft erst nach mehrmaligem Hören. Ob leidenschaftlicher Tango, gefühlvolle Ballade oder klassische Broadwaynummer: Unter Tobias Deutschmanns musikalischer Leitung spielen die zwölf Musiker die verschiedenen Stile mit Präzision und Schwung.

Malcolm Beineke: Was für ein Spiel?
Gomez Addams: Hast du schon mal Charade gespielt?
Malcolm Beineke: Ja.
Gomez Addams: Es ist total anders.

Der Ton des Musicals schwankt zwischen Klamauk und schwarzem Humor. Manche Scherze geraten arg albern, doch die meisten landen beim Publikum. Musicalkenner dürfen sich über Anspielungen auf „A Chorus Line“ und „The Sound of Music“ freuden. Andreas Gergens Inszenierung ist meist kurzweilig und betont die Absurdität des Stücks, kann jedoch nicht über alle Schwächen hinwegtäuschen.

Addams Family

Dinnerparty from Hell.
Foto: Rolf Ruppenthal

Immerhin kann Gergen auf sein starkes Ensemble zählen, das mit großer Spielfreude agiert. Uwe Kröger ist ein überdrehter und optimistischer Gomez, der vernarrt ist in seine Frau Morticia (morbide und dominant: Edda Petri). Abgesehen von einigen wackligen Schlusstönen überzeugt Kröger mit pointiertem Schauspiel, markanter Stimme und großartigem komischen Timing.

Anne Welte (Großmutter Addams), Enrico De Pieri (Onkel Fester), Noah Walczuch (Pugsley Addams) und Gerhard Karzel (Lurch) gehen in ihren absurden Rollen auf und verkörpern die Exzentrik ihrer Charaktere treffend. Lucas Beineke ist von allen der Unauffälligste und Normalste, daran kann auch Benedikt Ivo wenig ändern. Neben all den Exzentrikern fällt es ihm schwer, aufzufallen. Mit Ethan Freeman ist die wenig anspruchsvolle Rolle des Malcolm Beineke verschwenderisch besetzt. Die wenigen Zeilen, die er singen darf, klingen gewohnt gewaltig.

April Hailer bieten sich als Mals Frau Alice Beineke im Gegensatz dazu viele Herausforderungen, die sie brillant meistert. Sie überrascht mit einer vokalen Kraft, die den Zuschauer in den Sitz drückt. Alices Fassetten spielt sie voll aus. Zu Beginn ist sie die harmlos plappernde Hausfrau, bevor sie beim Abendessen aufdreht und ihren Frust über ihre unglückliche Ehe förmlich hinausschreit. Im zweiten Akt erkennt sie dann: „Verrücktsein wird total unterbewertet.“

Nach der deutschsprachigen Erstaufführung im August 2014 im Zeltpalast Merzig war „The Addams Family“ für anderthalb Wochen in Bremen zu sehen. Dort übernahm Lisa Antoni die Rolle der Wednesday Addams von Jana Stelley. Mit ihrem Solo „Auf neue Wege“ erhält sie den musikalisch stärksten Moment des Musicals und weiß diesen perfekt zu nutzen. Ihr Gesang verursacht Gänsehaut, ihr Spiel begeistert.

Für eine Tourneeproduktion ist „The Addams Family“ detailreich ausgestattet. Das Bühnenbild von Christian Floeren konzentriert sich auf die heruntergekommene viktorianische Villa, in der die Familie Addams mitten im Central Park wohnt. Für Atmosphäre sorgen das gruselig-stimmungsvolle Lichtdesign und die Videoprojektionen.

Addams Family

Edda Petri (Morticia) und Uwe Kröger (Gomez). Foto: Rolf Ruppenthal

Die Botschaft des Musicals ist so durchschaubar wie Morticias Dekolleté: Was von der Gesellschaft als normal anerkannt wird, macht nicht automatisch glücklich. Familie Addams ist exzentrisch; sie teilt das unkonventionelle Interesse für alles Makabere und lebt diese Neigung ohne Scham aus. Malcolm sagt ihnen gar, dass sie nicht zum „echten Amerika“ dazugehören. Doch die Beziehung zwischen Morticia und Gomez basiert auf totaler Ehrlichkeit, Leidenschaft und großer Zuneigung. Auch nach vielen gemeinsamen Jahren sind sie glücklich, während sich die scheinbar mustergültige und bürgerliche Ehe von Alice und Malcolm Beineke als kalt, entfremdet und unehrlich entpuppt. Das kommentiert Gomez trocken mit: „Das ist selbst für uns zu düster.“

In der besuchten Vorstellung war das Parkett gerade einmal zur Hälfte besetzt. Schade, denn „The Addams Family“ ist ein Beispiel dafür, wie herausragende Künstler ein Stück aufwerten können, das ambitioniert, aber unausgereift ist. Trotz einiger Schwachstellen macht ein Abend mit den Addams und Beinekes Spaß.

Addams Family

Großmutter: „Ein paar Tropfen davon und aus Mary Poppins wird Medea!“
Foto: Rolf Ruppenthal

Addams Family

Edda Petri (Morticia) und Uwe Kröger (Gomez). Foto: Rolf Ruppenthal

Addams Family

Edda Petri (Morticia) und April Hailer (Alice). Foto: Rolf Ruppenthal

Addams Family

Die Addams Family. Foto: Rolf Ruppenthal

Addams-Family-

Uwe Kröger (Gomez), Edda Petri (Morticia) und Gerhard Karzel (Lurch). Foto: Rolf Ruppenthal

ku-sn-Addams-Family-1414

Ethan Freeman (Malcolm) und Uwe Kröger (Gomez). Foto: Rolf Ruppenthal

Addams-Family-

Ein Herz für die Ukulele: Enrico De Pieri (Onkel Fester). Foto: Rolf Ruppenthal

Addams-Family

Uwe Kröger. Foto: Rolf Ruppenthal

Addams Family

Justin Natale (Pugsley). Foto: Rolf Ruppenthal

Addams-Family-

April Hailer (Alice) und Ethan Freeman ( Malcolm). Foto: Rolf Ruppenthal

Addams-Family-

Uwe Kröger (Gomez) und Gerhard Karzel (Lurch). Foto: Rolf Ruppenthal

Addams Family

Edda Petri (Morticia) und Uwe Kröger (Gomez). Foto: Rolf Ruppenthal

Rezensierte Vorstellung: 29. November 2014 (Matinee)

Advertisements

Einzelbeitrag-Navigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: